Luxusprobleme

Manchmal wünsche ich mich aufs Dorf. Da guckt vielleicht die Omma von nebenan, wie man heute wieder rumläuft, und Oppa misst die Rasenlänge mit dem Zollstock nach. Aber sonst hat man seine Ruhe. Und muss sich nicht die Nächte um die Ohren schlagen, weil man sich nicht entscheiden kann, in welchen Kindergarten man sein Kind steckt. Weil es nur einen gibt. Wenn überhaupt! Aber ich wohne in der Stadt. Und darum muss ich diesen Kita-Wahnsinn mitmachen. Erst mal rumrennen und Klinken putzen, damit man den Damen und Herren Erzieher auch gefällt. 10 Info-Nachmittage besuchen, 20 Wartelisten ausfüllen, 30 E-Mails mit Schleimspur schreiben – nur um zu hören, dass „gerade alle Plätze vergeben wurden“. Und nun bin ich absurder Weise in der Situation, mich zwischen zweien entscheiden zu müssen. Wonach geht man da? Nach dem Wohl des Kindes, werden jetzt alle schreien. Jaja, nur dass das Kind sich an diese Zeit kaum oder gar nicht erinnern wird. Luca weiß nix mehr von ihrer Spielgruppe, die sie von 1,5 bis 2,5 Jahre besucht hat. Also nach meinem Wohl? Da steht die Wahl zwischen a) Bilderbuch-Interieur und Eltern, die ähnlich gestrickt sind wie wir und b) Ottenser Müslischick mit leichtem Chaosambiente. Der Nachteil von a) ist gleichzeitig der Vorteil von b). Denn a) ist eine andere Kita als die (b), in der Luca jetzt ist. Ich müsste also doppelt abgeben und abholen. Mütter unter Euch wissen, dass ein Kind abgeben etwas anderes ist, als ein Paket abgeben. Man muss mit rein, ungefähr 180 x „ausziehen“ sagen, den Erziehern einen guten Morgen wünschen, Small-Talk mit anderen Eltern halten. Wechselsachen einsammeln, Turntaschen suchen… Halten meine Nerven das aus? Will ich das in Kauf nehmen, nur um mein ästhetisches Empfinden zufrieden zu stellen? Meinen (und ich behaupte, allen) Kindern ist das nämlich wurscht, wie es aussieht. Und nett sind sie in beiden Einrichtungen. Ein echtes Argument für a) fällt mir gerade noch ein. Bei b) stapfe ich im Winter wieder an Pennern vorbei, die vor der Kita-Tür ihren warmen Schlafplatz gefunden haben. Jeden Morgen wird der Müsligeschmack in meinem Mund durch Pi..e- und Ko..e-geruch versaut. Echt ekelhaft. Bei allem Verständnis für die armen Menschen, die auf der Straße leben. Aber sich und seinen Kindern morgens über lallende, schnarchende und stinkende Schnapsleichen den Weg in den Kindergarten zu bahnen, kann es doch nun wirklich nicht sein. Oder? Hilfe, ich will das nicht entscheiden. Ich will aufs Dorf!

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